Wie ich zum Nähen gekommen bin

Vintage Mode

Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, warum Ihr das Nähen angefangen habt? Ich weiß das noch ganz genau. In unserer Verwandschaft waren einige Schneiderinnen und auch in meiner Familie wurde viel genäht und gehandarbeitet.

Meine Mom lebte auf einem Bauernhof in Niederbayern. Dort steht im Übrigen heute das Auslieferungslager der Firma Mömax. Sie hatte eigentlich so ein Leben, wie es in dem Roman „Herbstmilch“ geschildert wurde. Das war damals wirklich so. Auf jeden Fall, aus dieser Not heraus, fing meine Mom zum Nähen an. Es war die einzigste Möglichkeit, einigermaßen bezahlbar, an neue Kleidung zu kommen. Sie hat mir oft erzählt, wie sie sich mit hart zusammengespartem Geld etwas Stoff gekauft hatte. Leider ist der erste Nähversuch fehl geschlagen, weil sie die Teile nicht gegengleich zugeschnitten hatte. Heute ist das kein Problem, wir kaufen uns einfach neuen Stoff. Damals kam das einer richtigen Katastrophe gleich. Sie hatte kein Geld mehr für einen zweiten Versuch. Sie mußte lange dafür sparen. Trotzdem hat sie das verschnittene Teil mit viel Phantasie retten können. Ich glaube es gab kurze Ärmel anstatt langer.

Später saßen meine Mom, ihre beste Freundin und meine Oma auf unserer Eckband in der Küche und haben genäht. Meine Oma nicht, die hatte wohl 2 linke Hände. Meine Oma hat für Kuchen gesorgt, sie war gelernte Köchin. Meine Mom hatte auch noch eine zweite Freundin aus ihrer Jugend. Die besuchte uns hin und wieder, wenn es ihre Zeit erlaubte. Die war damals Ticketverkäuferin in der Münchner Trambahn. Kaum zu glauben, oder? Das schönste an diesen Besuchen war, dass ich jedes Mal ein Stück Stoff von ihr bekommen habe, das meine Mom für mich in süße Kleidchen verwandelte. Übrigens gab es damals Nylonstoffe für Sommerkleider. Das war der letzte Schrei. Die Farben waren wunderschön, meistens pastellig, die Muster wurden mit irgend etwas aufgeflockt. Jedes Jahr bekam ich ein neues dieser Kleider, weite Röcke, viele Rüschen und Spitzen. So wie es damals modern war.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte ich mit 5 Jahren. Eine Großtante kam zu Besuch, eine gelernte Schneidermeisterin und aussergewöhnlich liebe Person. Zum gleichen Zeitpunkt schenkte mir meine Patentante ein Hummelpüppchen, ungefair 25 cm groß. Das besaß leider keine Kleidung. Diese Großtante opferte sich und nähte mit mir ein Kleidchen für das nackte Püppchen. Ich weiß es noch wie heute, wir hatten changierenden Futterstoff lilla/grün zur Verfügung. Das Kleid bekam gerüschte Flügelärmel und die Passe wurde handgesmokt. Geschlossen wurde es mit einem Knopf im Rücken. Ich denke das war der Einstieg in meine Nähkarriere.

Vintage Blusen

Wie Ihr sicherlich wisst war Burda die erste Modezeitschrift auf dem Markt, oder sagen wir mal so ziemlich die erste. Den Film von Anne Burdas Lebensgeschichte kann ich Euch sehr empfehlen, es ist wirklich interessant wie sich Anne Burda, trotz widriger Umstände, ihre Karriere erarbeitet hat und in der Mode zum Selbermachen eine Vorreiterin war. Bei uns gab es auch ein paar Burda Zeitschriften zu Hause. Die entdeckte ich eines Tages, als ich im Kleiderschrank meiner Mom stöberte. Ich liebte ihr Schlafzimmer, lagen da nicht ein einsamer Lippenstifft in Pin Up Girl rot, den ich natürlich heimlich getestet habe. Ich fand mich damit umwerfend schön und bedauerte es zutiefst, dass ich keinen Lippenstift tragen durfte. (Ratet mal, welche Lippenstiftfarbe ich heute bevorzugt trage 🙂 ). Bei dieser Entdeckungstour grub ich ein paar Burda Hefte zu unterst im Schlafzimmerschrank aus, mit der Mode der 50iger Jahre. Ein Sommerheft in dem die Anleitungen für diverse Kleider mit Ballonröcken, Petticoats und der heutigen Vintagemode zu sehen waren. Das wird mir ewig in Erinnerung bleiben und die Leidenschaft fürs Nähen war entgültig entfacht.

Wir wohnten in meiner Kindheit in München, Ortsteil Kirchtrudering. Meine Großeltern väterlicherseits im schönen Niederbayern, in der Nähe von Passau. Jeden Sommer waren wir für 14 Tage bei meinen Großeltern. Im gleichen Haus wohnte meine Tante und Ihr könnt es Euch schon denken, sie war ebenfalls Schneiderin, im Übrigen eine sehr gute. Meine Mom nutzte jedes Jahr die Zeit mit Hilfe meiner Tante ihre Kleidung für sich und mich zu nähen. Oft wurden die gleichen Stoffe verwendet, so dass wir gut im Partnerlook hätten gehen können. Sie konnte damals Stoffreste von einer sehr teuren Marke kaufen, was die Sache natürlich noch reizvoller gestaltete.

Vintage Röcke

Später, als es an die Berufswahl ging, wollte ich für meine Leben gern Schneiderin werden. Meine Mom hat das nicht unterstützt, für sie war das ein arme Leute Beruf. Ich hätte mich zwar durchgesetzt, leider gab es ein weiteres Hindernis, unseren Wohnort. Wir lebten auf dem Land. Bis in die Innenstadt von München waren wir gut 1 Stunde unterwegs. Es gab zu jener Zeit nur wenige Lehrstellen, weit entfernt und für mich wegen der schlechten Verbindungsmöglichkeiten, unerreichbar.

So ist es bei einem Hobby geblieben, was vielleicht nicht das schlechteste war. Ich durfte das Handwerk ausüben und musste es nicht. Allerdings, wenn ich jemanden treffe, der es so richtig gelernt hat, beneide ich ihn. Weiß man um die Feinheiten des Handwerks wird das Ergebnis halt einfach perfekt und die Arbeitsschritte sind einfach umzusetzen.

Es handelt sich im Übrigen hier nicht um eine Burda Zeitschrift, da habe ich leider keine so alte von 1950, sondern um die Firma Wema, die Texte sind auch in französich angegeben. Es war der Weltmode-Verlag in Nürnberg, Weidenkeller Str. 8, Wintersaison 1955/1956. Das Heft hat 1,80 DM gekostet, ein Sonderheft für Blusen und Röcke.

Ich hoffe, meine Plauderei aus dem Nähtäschchen hat Euch ein bisschen Spaß gemacht. Und ist die Mode von damals nicht herrlich weiblich?

Eure

TOSCAminnis

PS: Wißt Ihr woher der Spruch kommt: „Aus dem Nähtäschchen zu plaudern“ ?

Wer aus dem Nähkästchen plaudert, erzählt Geheimnisse, verrät etwas oder gibt Einblicke in bestimmte Dinge. Der Ausdruck stammt aus dem Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane (1819 – 1898). Es wird davon ausgegangen, dass die Damen der damaligen Gesellschaft ihre Geheimnisse im Nähkästchen aufbewahrt haben. Der Ehemann von Effi Briest findet nach Jahren die Liebesbriefe seiner Frau in deren Nähkästchen.

Veröffentlicht am 10. November 2020.


› Zurück zur Übersicht